Mag.a Eva-Maria Casata

Klinische und Gesundheitspsychologin, Psychotherapeutin in Ausbildung unter Supervision

Co-Abhängigkeit

Der Begriff der "Co-Abhängigkeit" wird in der Fachwelt erst seit wenigen Jahrzehnten verwendet und diskutiert und bezeichnet keine psychische Erkrankung im herkömmlichen Sinne. Vielmehr wird darunter die Belastung, die durch das Zusammenleben mit einem sucht-erkrankten Angehörigen entsteht, thematisiert. Der Begriff ist auch insofern missverständlich, als er nicht meint, dass auch die Angehörigen sucht-gefährdet sind, sondern eher die Rolle, die sie (die Angehörigen) bei der Erkrankung des Betroffenen spielen.

Die Sucht, insbesondere die Substanz oder auch das Verhalten (seit einiger Zeit sprechen wir auch von Verhaltens-Süchten, wie Spielsucht, Internetsucht etc), dominiert häufig das Zusammenleben in der Partnerschaft oder Familie, manchmal auch am Arbeitsplatz oder im Freundeskreis. Die Angehörigen oder auch Freunde und Kollegen des Betroffenen möchten diesem immer wieder, mit verschiedenen Mitteln helfen, dass er nicht den befürchteten Untergang erleidet. Dabei greifen sie zu unterschiedlichen Strategien, die sich häufig mit fortwährender Dauer der Sucht verändern.

Zu diesen Strategien zählen:

  • Verleugnen/Verheimlichen nach Aussen,
  • Übernahme von Aufgaben des Betroffenen, um dessen Probleme zu kaschieren,
  • Bemitleiden und Unterstützung beim Suchtverhalten, um schambesetzte Situationen zu vermeiden,
  • Konfrontation des Betroffenen mit dem eigenen Ärger, auch Beschimpfungen etc.

Diese Liste ließe sich beliebig fortsetzen, entsprechend der Kreativität der Menschen im Umgang mit  problematischen Situationen. Daraus wird bereits ersichtlich, wie sehr die Angehörigen (Freunde, Kollegen) unter der Suchterkrankung "mit-"leiden. Häufig sind diese Personen auch die ersten, die Hilfe suchen - allerdings für den Betroffenen und nicht für sich selbst. Die Krux dabei ist, dass der Betroffenen oft erst viel später fähig ist, sich einzugestehen dass er ein Problem hat, und selbst nicht so schnell bereit ist, Hilfe zu holen.

Daraus wird auch nochmal deutlich, dass jede Sucht mit dem Genuss der jeweiligen Substanz oder der süchtig-machenden Handlung beginnt, und die Erkrankten immer noch dem Irrglauben hinterherlaufen, diesen Genuss-Moment mit fortlaufendem, höherem Konsum erneut erreichen zu können. Hinzu kommt die gerade bei Suchterkrankungen häufig hohe Schambesetzung. In unserer Gesellschaft wird diese Art der Erkrankung immer noch vor allem als Charakterschwäche gesehen, anstatt als Folge schwieriger, häufig nach aussen nicht sichtbarer, Lebensumstände oder oft sogar vorgangegangener Traumatisierungen.

Doch zurück zu den Angehörigen: Sie fühlen sich häufig unbewusst verantwortlich für die Bewältigung der Sucht und übersehen dabei meist einen Grundsatz: Die Verantwortung (für etwas) kann nur derjenige übernehmen, der auch die Macht darüber hat. Da die Macht, das Suchtverhalten zu ändern, aber immer nur der Erkrankte selbst hat, sind die Angehörigen viel zu oft zum Scheitern verurteilt. Häufig müssen sie sogar erkennen, dass ihre Bemühungen sogar zum Gegenteil führen und das Suchtverhalten - aus welchen Gründen auch immer - noch zunimmt anstatt abnimmt.

Hier ist mir sehr wichtig, keine Schuldzuweisungen zu machen bzw. niemandem Verantwortlichkeiten zuzuschreiben. Vielmehr geht es darum, Sie als Angehörige zu stützen und zu unterstützen im Kampf gegen die Sucht. Dazu arbeite ich in der Therapie daran, sich wieder mehr auf die eigenen Wertigkeiten zu konzentrieren, eigene Bedürfnisse besser wahrzunehmen und zu befriedigen und damit das eigene Befinden wieder zu verbessern - denn darüber sollten Sie tatsächlich wieder die Macht bekommen und Verantwortung übernehmen.

Konkret kann das so aussehen, dass in der Kommunikation nicht mehr nur das Befinden des erkrankten Partners/Familienmitglieds im Vordergrund steht, sondern Ihr eigenes Befinden wieder mehr zum Thema werden darf. Häufig ist es hier auch sinnvoll, den Betroffenen bei passender Gelegenheit in die Therapie miteinzubeziehen, um die Auseinandersetzung mit dem Thema auch auf dessen Seite zu fördern.

Wichtig ist mir, in diesem Zusammenhang noch zu sagen: Haben Sie keine Angst und Scham davor, Hilfe in Anspruch zu nehmen - ansonsten hat die Krankheit einen weiteren Etappen-Sieg errungen...